Gute Frage: Bist du ein nachhaltiger Surfer?

Windsurfer in der Probstei

Neulich bin ich beim Surfen vor Heidkate mal wieder vom Brett ge…- äh – sprungen und prompt in einer Seegraswiese gelandet. Es knirschte unter meinen Neoprenschuhen und ich fragte mich spontan: Zerstört mein Sport eigentlich die empfindliche Meeresfauna? Sind meine Sportsfreunde und ich schuld am Verschwinden der Seegraswiesen? Und wenn ich so auf den Miesmuscheln und Strandkrabben herumtrampele ist das garantiert auch nicht gut. Die Überlegung war Grund genug, mal genauer über das Thema Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Wassersport nachzudenken.

Das liest du hier:
1. Zerstöre ich Seegraswiesen?
2. Trage ich schädliche Kleidung?
3. Sollte ich auf’s Fliegen verzichten?
4. Welchen Sonnenschutz kann ich benutzen?
5. Kann ich beim Brett auch auf Nachhaltigkeit achten?
6. Sollte ich meinen Wetsuit nicht mehr ausspülen?
7. Die einfachste Art von Umweltschutz: Müll vermeiden!

1. Zerstöre ich Seegraswiesen?

Seegraswiesen sind wichtig. Sie speichern unter anderem Kohlenstoff und Kohlendioxid. Damit tragen sie zur Regulierung des Klimas bei und verbessern die weltweite Kohlenstoffbilanz. „Seegräser sind eines der produktivsten Ökosysteme im Meer“, sagt Maggie Sogin vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie auf den Internetseiten der Bundesregierung. Demnach bindet Seegras bis zu 83 Millionen Tonnen Kohlenstoff, das entspreche den jährlichen CO2-Emissionen aller Autos in Italien und Frankreich. Schätzungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) zufolge gehören Seegraswiesen zu den am stärksten schrumpfenden Ökosystemen weltweit. 2014 lag die Größenordnung des Flächenverlusts bei sieben Prozent. Und die Wissenschafter mahnt und gibt Entwarnung zugleich: „Surfer können benthische Lebensräume schädigen, wenn sie sie auf dem Weg zu den Wellen, beim Hinauspaddeln, oder zwischen den Wellen betreten“, sagte Sogin auf Nachfrage. Benthisch bezeichnet übrigens den Lebensraum am Meeresboden. „Wenn Menschen auf diesen Lebensräumen stehen oder sie zertrampeln, nehmen sie sicherlich Schaden. Ich glaube aber, dass der eigentliche Akt des Surfen nicht für Seegras- oder Korallenriffe schädlich ist.“

2. Trage ich schädliche Kleidung?

In unseren Breiten ist es kaum möglich, ohne Neoprenanzug zu surfen. Er schützt uns vor der Kälte des Wassers, aber auch vor dem Wind und vor Sonnenbrand. Die Herstellung von Neopren ist allerdings keine sehr saubere Sache.

Seit den 1950er Jahren sind Surfer von Neopren begeistert, das Ausgangsmaterial von Wetsuits. Doch Neopren nicht aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und der Herstellungsprozess ist sehr energieintensiv. Die Basis für den von DuPont entwickelten Kautschuk, den wir Neopren nennen, ist – einfach gesagt – Erdöl, das gechlort und polymerisiert wurde. In den vergangenen Jahrzehnten haben einige Unternehmen Kalkstein als Alternative zu erdölbasierten Stoffen verwendet. Ruß, ein Hauptbestandteile vieler Neoprenschäume, kann heute mithilfe thermochemischer Spaltung aus alten Gummireifen gewonnenen werden, schreibt Neopren-Hersteller Ride Engine. Demnach mindert das den Energieverbrauch und den CO2-Ausstoß pro (Ride Engine-)Anzug um etwa 200 Gramm. Ist zwar schon besser, aber auch Kalkstein ist kein nachwachsender Rohstoff und muss abgebaut werden. Auch ist die Umwandlung in ein Monomer energieaufwändig. Nach dem Abbau von Kalkstein wird dieser zerstoßen und in Spezialöfen auf über 1.980 °Celsius überhitzt, ein Verfahren, das enorme Energiemengen – vor allem an fossilen Brennstoffen – erfordert.

Doch es geht auch anders: Vor ein paar Jahren kam Patagonia mit einem Wetsuit aus Naturkautschuk auf den Markt. Gewonnen wird dieses aus dem mexikanischen Gummibaum. Das ist nicht nur ein Naturstoff, der nachwächst. Während ihrer Lebensdauer absorbieren die Bäume zudem Kohlenstoff, was die CO2-Emissionen des Herstellungsprozess um bis zu 80 Produzent reduziert, schreibt Patagonia. Die Anzüge von Patagonia enthalten noch 15 Prozent Synthesekautschuk, um die UV-Beständigkeit und Strapazierfähigkeit zu garantieren. Wer seinen Patagonia-Wetsuit durchgehockt hat, kann ihn übrigens kostenlos reparieren lassen oder der Firma zum Recycling zusenden (vielleicht gibt es ja im kommenden nach-Corona Jahr wieder die Worn Wear Tour). Am Recycling arbeitet Patagonia übrigens zurzeit. Eine der großen Herausforderungen sei hier der Materialmix. sagte mir ein Pressesprecher. Es gebe allerdings Ansätze im Entwicklungsstatus, bei denen das Yulex-Material von Zippern und dem Polyester-Anteil getrennt und daraus Yoga-Matten oder Schuhsohlen werden.

Auch Prolimit stellt mittlerweile Wetsuits aus Natureprene aus natürlichem Gummi, mit formaldehydfreier Verklebung und Innenfutter aus recycelten Plastikflaschen.

Noch einen Schritt weiter geht Soöruz (sprich: Sörus). Unter dem Label Oysterprene hat das Unternehmen eine Neopren-Art entwickelt, zu deren Bestandteilen Austerschalen gehört. Wetsuits der Biorene-Linie sind zudem zu 60% aus recycelten Materialien hergestellt.

Fazit: Wer sich auf dem Markt umsieht und sich etwas erkundigt, kann problemlos Wetsuits aus nachwachsenden Ressourcen finden, die unter anderem mit umweltschonenden Verklebungen oder Bedruckung auch das Meer schonen.

3. Sollte ich auf’s Fliegen verzichten?

Ich kenne semi-professionelle Surfer, die sich gegen eine Teilnahme an Surf-Wettkämpfen entschieden haben, weil sie nicht permanent im Flugzeug unterwegs sein wollen. Viele Spots, die Profis zum Trainieren nutzen, sind ebenfalls nur mit den Flugzeug zu erreichen – oder im Zweifelsfall mit dem Auto, aber auch das verlangt nach fossilem Brennstoff. Wer wellenreitet ist noch schlechter dran: Die richtig guten Wellen gibt es bei uns in Deutschland – im Gegensatz zu Windsurf-Spots – nicht.

Ich habe das Glück am Meer zu wohnen. Zwar schaffe ich es nicht, unsere drei Bretter und sechs Segel auf einen Anhänger zu laden und mit dem Fahrrad zum Strand zu fahren, und nehme daher (leider) auch für die drei Kilometer zum Homespot das Auto. Aber was machen andere Surfer? Veit schlägt auf seinem Blog Precious Ocean vor, weniger zu fliegen, kürzere, direktere Verbindungen zu wählen, und länger an einem Ort zu bleiben. Wer einen Camper-Van oder einen Wohnwagen hat, ist hier wahrscheinlich auch im Vorteil. Zwar musst du dann für den Urlaub mehr Zeit, oder weniger Surf-Zeit, einplanen, aber zumindest kannst du mit der fahrbaren Wohnung am Spot bleiben. Eine Möglichkeit ist auch die CO2-Kompensation, mit der sich zumindest die geflogenen Kilometer wieder ausgleichen lassen.

4. Welchen Sonnenschutz kann ich benutzen?

Herkömmliche Sonnencremes sind – wie bekannt – schädlich für das Meer, seine Flora und Fauna. Auch wenn es etwas merkwürdig aussieht: Mineralischer Sonnenschutz ist hier das Mittel der Wahl. Den gibt es mittlerweile nicht nur von wenigen Marken wie Weleda oder Avenue. (Ich habe gerade gesehen, dass es von Sox (Affiliate Link) eine zinkbasierte Creme, die getönt ist…). Allerdings kannst du die Cremes auch ganz einfach selbst machen.

5. Kann ich beim Brett auch auf Nachhaltigkeit achten?

Na klar. Die Frage ist nur: Wieviel Geld ist dir der Umweltschutz wert? Wenn du Wellenreiter bist, kannst du dir etwa ein aus Holz gefertigtes Board von Kun_tiqi, Notox oder Firewire (Timbertek-Linie) kaufen. Für Windsurfer gibt es leider noch keine wirklich vernünftige Alternative. Gefertigt werden Surfbretter aus Polyesterharz und Polyurethan. Die Vorteile: leicht, haltbar und leicht zu reparieren. Leider sind diese Bretter alles andere als umweltfreundlich. Schon beim Bau entstehend giftige Dämpfe, ein Recycling ist kaum möglich. Starbord arbeitet zurzeit an einem Windsurfbrett aus nachhaltigen Materialien und Basalt-Holz.

Windsurfers.de gegenüber erklärte Profi-Surfer Flo Jung, der die Bretter von Starbord testet und mitentwickelt: „Statt eines PVC-Cores benutzen wir ein Sandwich-Material aus dem Holz vom Balsabaum. Der kommt aus Ecuador und ist der am schnellsten wachsende Baum der Welt. Wir haben herausgefunden, dass das Balsa-Holz extrem stabil und widerstandsfähig ist. Dem PVC ist es materialtechnisch, was die mechanischen Eigenschaften angeht, deutlich voraus. Die Inserts vom Ecoboard, also zum Beispiel das Finnensystem, sind aus recyceltem Meeres-Müll. Dann benutzen wir ein Bio-Resin. Das besteht aktuell leider noch nicht aus 100% Bio-Harz, sondern nur zu 52%, aber da ist in Zukunft noch Luft nach oben.“

Eine super Technik-Erläuterung zur Herstellung von herkömmlichen Surfbrettern findest du übrigens bei dailydose.

Etwas günstiger wird es, wenn du beim Zubehör auf nachhaltige Produktion setzt – etwa bei den Finnen. Wellenreiter können mittlerweile auf eine ganze Reihe Surffinnen aus recyceltem Material zurückgreifen (Five Oceans (ecoFins), Regel Fins, Bureo). Bei Finnen für Windsurf-Bretter bin ich leider noch nicht fündig geworden.

6. Sollte ich meinen Wetsuit nicht mehr ausspülen?

Natürlich musst du deinen Neoprenanzug nach dem Surfen ausspülen! Salzwasser, Sand und Sonstiges müssen runter. Das gehört zur Pflege des Anzugs einfach dazu – das verlängert die Lebenszeit und ist natürlich auch viel hygienischer. Eigentlich sollst du den Anzug mit klarem, kaltem Wasser sowohl innen als auch außen abspülen, dazu natürlich die Schuhe, gegebenenfalls die Aufprallweste und den Unterziehen. (Achtung: Heißes Wasser macht Neopren kaputt.)

Wieviel Wasser verbrauche ich denn, wenn ich einen Wetsuit auswasche? Ich kalkuliere jetzt mal 15 Liter – das ist ungefähr die doppelte Menge wie in ein Abspülbecken passt. 1 Liter Trinkwasser kostet in Deutschland im Durchschnitt rund 0,2 Cent. Teuer ist das Ausspülen also nicht – wenn du nur einen Neo reinigen musst. Aber es summiert sich. Je nachdem wie oft du aufs Wasser gehst, stehen am Ende des Jahres dann doch ein paar hundert Liter auf der Verbrauchsseite.

Übrigens: Auf einem Blog habe ich gelesen, dass rund 80 Prozent aller Surfer in ihren Wetsuit pieseln. Ob das stimmt, weiß ich nicht. (Und verrate euch auch nicht, ob ich dazugehöre ;)) Aber logisch ist es – vor allem, wenn du gerade so schön dabei bist und/oder keine Toilette in der Nähe ist. Eklig ist das natürlich, wenn jemand in einen Schulungs-Neo pinkelt – geht gar nicht. Der wird nämlich selten ausgespült… Um Urin aus dem Neo zu waschen, gibt es spezielle Waschmittel (Affiliate Link). Du kannst aber auch Baby-Shampoo oder ein sanftes Spülmittel nehmen.

Um den Neoprenanzug wieder etwas geschmeidiger zu machen, helfen ätherische Öle (z.B. Teebaumöl, schreibt Luca von milchplus.de). Dazu gibst du in eine Reinigungsbottich oder die Badewanne einfach einige Tropfen des Öls und walkst den Wetsuit darin durch.

7. Die einfachste Art von Umweltschutz: Müll vermeiden!

Irgendwie ist es naheliegend, dass es so viele Organisationen gibt, die sich mit der Beseitingung und Vermeidung von Meeresmüll beschäftigen, die von Surfern gegründet wurden. Schließlich ist das Meer unser Spielplatz. Ich erinnere mich an ein Erlebnis vor Jahren, als ich in Dänemark wellenreiten war, und neben meinem Brett ein Rudel Plastikflaschen umgeben von einer öligen Substanz auf dem Wasser schwammen. Auf Mallorca habe ich Bodyboarder beobachtet, die bei Sturm in den Wellen gespielt haben – ich habe die ganze Zeit befürchte, dass sie gleich mit den abgerissenen Holzkonstruktionen, Mülltonnen und anderem Zeug, das dort herumtrieb, zusammenstoßen würden.

natürlich es die einfachste Art des Umweltschutzes das Vermeiden von Müll. Also: Wiederverwendbare Flaschen verwenden, eine Großpackung Nüsse kaufen, diese in Gläser verteilen und zum Strand mitnehmen, Brot etc von zuhause mitbringen und Bio-Wax für den Wellenreiter verwenden.

Zusätzlich engagieren könnt ihr euch als Unterstützer der Meeresschutzorganisationen wie Surfer Against Sewage oder Surfrider Foundation.

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