Der Winter ist lang und ungemütlich kalt. Bald locken die warmen Sonnenstrahlen und das leuchtende, üppige Grün der Pflanzen Spaziergänger in die Natur und an die Strände. Manchmal fällt bei einem zufälligen Blick zu Boden ein Stein auf, weil er besonders geformt oder gefärbt ist, oder einfach nur ungewöhnlich aussieht. Mit etwas Glück, und das ist in Norddeutschland gar nicht so selten, hat der Entdecker ein mehrere Millionen Jahre altes Meerestier in der Hand, oft bis ins kleinste Detail in Stein erhalten – ein Fossil.

Auf unbestellten Äckern liegen manchmal faustgroße Steine auf der dunklen Erde, auf deren Oberfläche, wenn der Matsch erst einmal abgerubbelt ist, fünf Reihen mit rechteckigen Feldern zu sehen sind. Manche Reihen haben kreisrunde Löcher. Und jeder wundert sich und denkt: „So sieht doch kein normaler Stein aus!“

Im Eiszeitmuseum bei Lütjenburg kennt sich der Museumsleiter Dr. Christian Russok gut mit Steinen und Fossilien aus. Er sieht gleich, dass der gefundene Stein einmal ein Seeigel war und aus Feuerstein besteht. In den kleinen Löchern steckten früher kleine, saugnapfartige Ambulakralfüße, mit denen Seeigel „laufen“ können. Der versteinerte Seeigel hat vor etwa 66 Millionen Jahren gelebt. Die Epoche damals nennen die Wissenschaftler “Kreide“. Massen von abgestorbenen Einzellern bildeten auf dem Meeresboden das weiße, kalkhaltige Schreibkreidesediment. Viele Fossilien aus dieser Zeit sind in Kreide erhalten.

Der häufigste Stein an den norddeutschen Stränden ist jedoch der Feuerstein. Und auch die meisten Fossilien bestehen aus diesem dunklen Gestein mit dem weißen Belag. Es entstand in etwa 400 Meter Meerestiefe ebenfalls in der Kreidezeit und besteht nicht aus Kalk, sondern aus Siliziumdioxid. Auf Rügen sind die dunklen, horizontalen Streifen aus Feuersteinen, die den Kreidefelsen durchziehen, berühmt. Die für die Bildung von Feuerstein notwendige Kieselsäure stammt übrigens von abgestorbenen, kieselsäurehaltigen Kleinstlebewesen und Schwämmen aus dem Meer.

Es dauert viele Jahre bis aus einem toten Seeigel ein Fossil entsteht. Zunächst fallen seine Stacheln ab. Schnell wird der Seeigel von Meeressand bedeckt und „verschwindet“ im Meeresboden. Immer mehr Sand drückt auf das Seeigelskelett. Der hohe Druck, das Fehlen von Sauerstoff und chemische Reaktionen im Innern und an der Schale lassen den Seeigel versteinern. Dieser Prozess funktioniert am Besten im Meer und deswegen sind die meisten Fossilien auch Meereslebewesen.

Aber wie kommt der versteinerte Seeigel auf den Acker? Die Ostsee ist noch weit entfernt. Dr. Russok erklärt das so: „Die letzte Eiszeit war vor circa elf tausend Jahren. Mehrere hundert Meter dicke, schwere Eisgletscher breiteten sich von Skandinavien über Norddeutschland bis nach Berlin aus. Der Seeigel lag da bereits als Fossil im Meeresboden irgendwo in Skandinavien. Die Eismassen schoben den Erd- und Meeresboden in Falten vor sich her – wie eine flache Hand die Tischdecke über die glatte Tischplatte schiebt. Die schweren Gletscher schoben den Meeresboden mit dem Seeigel darin bis in die norddeutsche Landschaft.“ In diesem sogenannten „Geschiebe“ sind Steine und Fossilien aus der gesamten Erdgeschichte enthalten. Sie können also bis zu 540 Millionen Jahre alt sein.

Der Fossilienexperte Dr. Frank Rudolph empfiehlt: „ Drehen Sie jeden Feuerstein einfach einmal um und sehen Sie nach, ob ein Fossil enthalten ist!“. Nicht selten weckt das erste Entdecken eines versteinerten Seeigels die Leidenschaft, sich eine eigene Fossiliensammlung zusammen zu suchen.

Dieser Seeigel hat sich in grauer Vorzeit mit einem Feuerstein verbunden.

(Dieser Artikel ist im Sommer 2017 auch in der Nordwarte erschienen.)

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