Thing-Tag: Gerichtsverhandlung auf Platt

In Schönberg gibt es seit Jahren die schöne Tradition des Thing-Tags. Das hat nichts mit „Dingen“ (engl.: thing) zu tun, sondern bezeichnet eine Gerichtsversammlung nach altem germanischen Recht. In der Probstei spielt die Theatergruppe Lampenfever seit fast 30 Jahren diese Rechtsprechung nach – selbstverständlich auf plattdeutsch und selbstverständlich unter freiem Himmel, wie es Tradition ist.

In diesem Jahr war das Wetter super sonnig und fast schon zu heiß, um im Probstei Museum in der Sonne zu sitzen. Noch schlimmer muss es den Akteuren gegangen sein, die in ihren schwarzen Gewändern auf ihrem höher gelegenen Richterpult in praller Sonne saßen. Schon immer fand der Thing unter einem großen Baum statt – in diesem Fall unter der alten Eiche auf dem Gelände des Museums.

In diesem Jahr klagte die Witwe Drude Heers gegen ihren Verwalter Evert Steffens, der ihr eigentlich beim Bestellen der Felder helfen soll. Sie beklagt sich, dass dieser immer über ihren Hof fährt und auch die von ihr aufgestellten Zäune ihn nicht davon abhalten. So habe er sogar schon ihren Gemüsegarten beim Rüberfahren zerstört.

Drude Heers klagt Evert Steffens an, ihren Garten zu zerstören. Vörspraaken, Dingvogt, Affinder und der Probst (hinten) schauen zu. (Bild: Wimber)

Die gesamte Verhandlung über wird Platt gesprochen. Und ich gebe zu, auch wenn ich mit der Sprache aufgewachsen bin, der gesamten Verhandlung konnte ich nicht folgen. Ich weiß nicht, wie es den Urlaubern und den anwesenden Kindern ging. Vielleicht war das der Grund, warum das Ende der Verhandlung dann auch sehr lustig ausging: Als Straße mussten die Streithähne nämlich zweimal um einen Zaun tanzen – und der war ja (unter anderem) Streitgegenstand.

Um den Streit beizulegen mussten die Parteien um den Zaun tanzen. Der Klostervogt hält den „Tuun“ fest. (Bild: Wimber).

Toll fand ich die ziemlich authentischen Trachten und das Zinnober. So wurde der Probst (der im Hintergrund saß und am Ende Recht sprechen muss) vom Klostervogt unter lautem Rufen durch die Menge zum Gerichtsort geführt. Dort saßen schon der Vörspraaken („Absprach“, so etwas wie ein Fürsprecher für die Streitparteien), der Dingvogt (so etwas wie der Vorsitzende) und der Affinder („Abbinder“, Gegenspieler zum Vorsprach). Ich habe gelesen, dass die Gruppe jedes Jahr historischen Fälle recherchiert und für die Bühne aufbereitet. In diesem Jahr stammt der Fall wohl aus dem Jahr 1673.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.