Überfischung, Altlasten durch Kriege, Plastikmüll in unfassbarer Anzahl, sterbende Seegraswiesen, zu wenig Sauerstoff, zu sauer – scheinbar sind unsere Meere alles andere als die wunderschönen, blauen Erholungsgebiete, die wir in ihnen sehen.

Im Juni 2021 startet die UN Dekade der Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung (kurz: Ozeandekade): Für die kommenden zehn Jahre soll durch mehr Investitionen und Meeresforschung unter anderem neues Wissen geschaffen beziehungsweise bestehendes Wissen gebündelt werden, damit die Wichtigkeit der Weltmeere mehr in den Fokus gelangt sowie seine „nachhaltige Entwicklung in ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht“ verbessert wird.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat daraus sieben Schlüsselziele für die kommenden zehn Jahre Ozeandekade beschlossen:
1. Saubere Weltmeere, in denen Verschmutzungsquellen identifiziert und reduziert oder entfernt wurden
2. Ein gesunder und widerstandsfähiger Ozean, dessen Ökosysteme verstanden, geschützt, wieder aufgebaut und nachhaltig verwaltet werden
3. Ein produktiver Ozean, der eine nachhaltige Lebensmittelversorgung und Meereswirtschaft ermöglicht
4. Vorhersehbare Weltmeere, in denen die Gesellschaft die sich verändernden Bedingungen im Ozean vorhersehen und darauf reagieren kann
5. Ein sicherer Ozean, in dem Leben und Lebensgrundlage der Weltbevölkerung vor Gefahren vom Meer geschützt wird
6. Zugängliche Meere, mit offenem und gleichberechtigtem Zugang zu Daten, Informationen, Technologien und Innovation
7. Ein inspirierender Ozean, in dem die Gesellschaft die Meere in Bezug auf das menschliche Wohlergehen und die nachhaltige Entwicklung versteht und wertschätzt
(ocean-summit.de)

Betrachten wir das Ganze mal in Zahlen:

  • 70 Prozent des Erdballs ist mit Wasser bedeckt.
  • Auf dem Meer fährt eine Welthandelsflotte mit rund 17.100 Stückgutschiffen, rund 12.100 Massengutschiffen und 8.000 Rohöltankern (Stand 1. Januar 2020, laut Statista).
  • Vor fünf Jahren wurden bereits 96 Millionen Tonnen Nahrungsmittel aus dem Meer bezogen; Wissenschaftler der Dalhousie University Halifax in Kanada machen die Prognose, dass bis zum Jahr 2048 alle kommerziell nutzbaren Arten in den Weltmeeren verschwunden sein werden, sollte der Fischfang mit der gleichen Intensität betrieben werden wie bisher.
  •  Es wird geschätzt, dass insgesamt etwa 200 Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt aus dem Fischereisektor bestreiten; circa 95 % davon leben in Entwicklungsländern.
  • Dem deutschen Umweltbundesamt zufolge befanden sich 2013 100 bis 150 Millionen Tonnen Abfälle in den Meeren, 60 % davon aus Plastik. 70 % des Abfalls sinken auf den Meeresboden, 15 % schwimmen an der Wasseroberfläche und 15 % wurden an Strände gespült.
  • Dadurch treiben inzwischen durchschnittlich 13.000 Plastikmüllpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche.
  • Das World Register of Marine Species (WoRMS) listet derzeit insgesamt 228.450 Arten von Meeresbewohnern auf. In den vergangenen sieben Jahren haben Forscher mehr als 1000 bislang unbekannte Fischarten entdeckt; wie viele Arten ausgestorben sind, ist klar. Offiziell gezählt wurden 15.
  • Derzeit sind etwa 3,6 Prozent der Ozeane und Meere auf der Welt geschützt. 

Sauberes Wasser, nachhaltiges Wirtschaften, Freizeitwert: Das bewertet der OHI

Um Herauszufinden, wie gesund unsere Ozeane denn nun wirklich sind, wurde 2012 der „Ocean Health Index“ (OHI) erstellt. Er bewertet Faktoren wie Artenvielfalt, Küstenschutz und die Sauberkeit des Wassers für 220 Länder und deren Küstenregionen.

Der OHI legt Referenzpunkte für das Erreichenden sozio-ökologischer Ziele fest und bewertet für 220 Länder und Territorien, die Antarktis und 15 Hochseeregionen, wie erfolgreich diese erreicht werden. Insgesamt haben die Wissenschaftler*innen sieben Bereiche identifiziert: die Lebensmittelversorgung aus dem Meer, die Möglichkeit zur traditionellen Fischerei, der nachhaltige Abbau von natürlichen Ressourcen, die Fähigkeit zur Speicherung von Kohlenstoff, Küstenschutz, Tourismus und Freizeit, der Erhalt von Arbeitsplätzen und Wirtschaftszweigen an den Küsten, der Schutz erhaltungswürdiger Natur und Spezies, sauberes Wasser und Artenvielfalt. Der Zielwert ist 100; für jeden der sieben Bereiche haben die Wissenschaftler*innen je nach Land sowie global unterschiedliche Werte errechnet. Dabei schneidet das Ziel, nachhaltiger mit nicht-essbaren Produkten wie Schwämmen, Zierfischen und Co zu haushalten, mit 51 Punkten am schlechtesten ab. Mit 86 von 100 Punkten steht der Küstenschutz am besten dar. Interessant auch: Der OHI bewertet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich die aktuelle Situation verbessert oder verschlechtert.

Deutschland steht übrigens mit 86 von 100 Punkten auf Platz 6 des weltweiten Rankings.

2015 haben die Vereinten Nationen die Agenda 2030 beschlossen. Kernstück der Agenda bildet ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG). 193 Länder haben sich verpflichtet, die Agenda bis zum Jahr 2030 umzusetzen. SDG 14 fordert, dass alle Arten der Meeresverschmutzung erheblich verringert und die Versauerung der Ozeane auf ein Mindestmaß reduziert werden, Meeres- und Küstenökosysteme sollen nachhaltiger bewirtschaftet werden. Deutschland hat sich die Verringerung des Eintrags von Stickoxiden – z.B. durch die Landwirtschaft – und einen höheren Anteil an nachhaltig gefischter Regionen als Ziel gesetzt. Bisher hat die Bundesregierung diese Ziel noch nicht erreicht. (Anmerkung: 2030Watch wird leider nicht fortgeführt.)

Zeugnis für die Ostsee: der Baltic Health Index

Parallel zum OHI haben Wissenschaftler*innen den „Baltic Health Index“ (BHI) geschaffen. Das Ergebnis: Die Ostsee erhielt in Bezug auf die Gesundheit insgesamt einen Wert von 76 von 100 möglichen Punkten. Am schlechtesten schnitten folgende Bereiche ab: Wasserverschmutzung, das Übermaß an Algen und Pflanzenmaterial sowie die Fähigkeit des Meeres, Kohlenstoff zu speichern. In Sachen Meeresgesundheit würde die Ostsee die Schulnote „befriedigend“ bekommen. Wie beim OHI sollen aus den Erkenntnissen Schritte für ein nachhaltigeres Management des Binnenmeeres ergeben – wenn dies politisch auf fruchtbaren Boden fällt.

Eines der Hauptprobleme der Ostsee ist die Überdüngung: Alle untersuchten Gewässer eutrophiert, keines ist in gutem Zustand. Mit dem übermäßigen Einleiten von stickstoffhaltigen Substanzen – hauptsächlich Dünger aus der Landwirtschaft – wird nicht nur die Wasserqualität schlechter. Es treibt auch die Algenblüte voran und schafft ein erhöhtes Wachstum der einzelligen Algen, dem Phytoplankton. Dadurch erhalten Seegraswiesen weniger Licht. Das Phytoplankton sinkt zudem allmählich zum Meeresboden. Bakterien bauen es unter Sauerstoffverbrauch ab. Dadurch hat die am Boden lebende ⁠Fauna⁠ nicht ausreichend Sauerstoff und stirbt ab – wie Seesterne, Seeigel und Muscheln. (Mehr hier.)

Übrigens: Bereits 2008 gab es die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (offiziell: Richtlinie 2008/56/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2008 zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Meeresumwelt). Sie sollte bis bis 2020 einen „guten Zustand der Meeresumwelt“ in allen europäischen Meeren erreichen oder erhalten.

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