Wanderung auf Nantucket: Gartenschau auf dem ‚Sconset Cliff Walk

Der Weg selbst ist schmal, manchmal nur zwei, drei Fußbreit zwischen einem Gartenzaun und der Kliffkante. Auf der einen Seite braust der Wind über den Atlantik – irgendwo dahinten ist Afrika. Auf der anderen Seite verhindern nur Hecken oder zugezogene Gardinen den Blick in die Wohnzimmer der Inselbewohner. Der `Sonset Bluff Walk startet in Siasconset, der östlichen Ortschaft von Nantucket, der etwa 125 Quadratkilometer großen Atlantik-Insel südlich von Cape Cod und noch vor Martha’s Vineyard. An einigen Stellen zeigen nur Fähnchen im Rasen an, wo Privatbesitz beginnt und der öffentliche Wanderweg aufhört. Nicht immer sind die Wanderer vor dem oft sehr drängenden Seewind geschützt. Dann dringt auch das Brausen der Wellen, die unten vor den Dünenklippen an den breiten Strand rollen. Ab und zu verlocken niedrige Gartenpforten und winzige Holzterrassen, auf denen die Besitzer wohl ihren Nachmittagstee zu sich nehmen, dazu, die Schilder „Privat“ zu missachten. 

’Sconset, offiziell Siasconset, ist die ostwärts gewendete Schwester von Nantucket Town. Reet- und Schindelhäuschen tragen Bootsnamen, Fensterrahmen blitzen weiß, und im Juli scheinen die Rosen das Dorf zu übernehmen.

Weiter nördlich taucht der rot-weiß geringelte Leuchtturm auf: Sankaty Head Light, das Ende (oder der Startpunkt) des Cliff Walks. Aus Sorge vor der Erosion wurde er vor einigen Jahren versetzt – jetzt hat er mehr Abstand zum Abgrund. Die große Rasenfläche davor lädt zu einem Päuschen ein – und entschädigt dafür, die privaten Teestuben an den Klippen nicht betreten zu haben. Sie bietet zudem die beste Aussicht auf alle Sonnenaufgänge.

Wer Glück hat trifft vielleicht auf Rick Blaire, den `Sconset Flüsterer. Der ehemalige Fotograf wartet an der Main Street beim Larson Park auf Menschen, die sich von ihm durch den Ort führen lassen. Er ist hier aufgewachsen und kennt sich mit der Geschichte Siasconsets bestens aus. In seiner Hand: ein dicker Ordner, allerlei alte, in Klarsichtfolien verpackte Bilder, Zeichnungen und sonstige historische Materialien. Gegen eine Entgelt führt er Interessierte durch sein Dorf – durch die Gassen, in das Siasconset Casino (’Sconset Casino) – ein wunderschön gepflegtes, historisches Gebäude, das 1899 von der örtlichen Schauspielerkolonie als „hall of amusement“ mit Bühne, Bowlingbahn und Tennisplätzen errichtet wurde und und als Ort für Feste und Theater diente. Berühmte Persönlichkeiten wie Casino-Revue-Star
Patricia Collinge, Tony Sarg, der „Vater der US-Puppenspielkunst“ und Digby und Laura Joyce Bell, populäre Operetten-Stars, traten hier auf. Heute ist die riesige Halle mit der Kuppeldecke Treffpunkt der Insulaner für Kinoabende, Hochzeiten und auch Gemeindeveranstaltungen,

Rick erzählt von den frühen Siedlern, die um 1649 mit den Ureinwohner fischten; von den Walfangkapitänen, die im der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Wachstum der weißen Bevölkerung auf Nantucket und Siasconset führte – und dem Niedergang der Industrie, der mit dem Niedergang der Siedlung einherging. Um zwei Drittel schrumpfte seinen Angaben zufolge die Bevölkerung an diesem Zipfel der Insel. Dann kam die Eisenbahn, die reiche Sommergäste brachte und die Siedlung neu belebte. Sie bauten – wie so häufig an der Küste Neuenglands – imposante Sommerhäuser im viktorianischen Stil; einige stehen heute noch. Einige fanden es schick, die ehemaligen Whaling Cottages zu verwandeln und hier die Sommerfrische zu verbringen. Das wurde so populär, dass Edward Underhill 1877 zusätzliche Cottages im Stil der alten Fischhütten bauen ließ.

Bei einem Bummel durch den Broadway, an dessen Ende der ‚Sconset Bluff Wolk startet, (übrigens eine der ältesten Straßen in Neuengland) lassen sich die gedrungenen grau verkleideten Holzhütten am besten betrachten. Wer mit Rick unterwegs ist, hat vielleicht das Glück und darf eine der teuren Häuschen betreten.

(Bilder: A. Wimber)

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